sonnenuntergang von b.

Der Abend kroch langsam in die Werkstatt. Warum mußte es im Februar immer noch viel zu früh dunkel werden? Die Tage wurden länger, das merkte Paula, aber es war nach wie vor deprimierend, in diesem monatelangen Dunkelrhythmus gefangen zu sein. Dunkel wenn Sie in der Werkstatt ankam, dunkel wenn Sie nach Hause ging. Da hatte es gutgetan, heute Mittag mal um den Block zu gehen und sich den Wind ins Gesicht pusten und die sonnenentwöhnten Augen ins Mittagslicht blinzeln zu lassen.

Der Nachmittag war ruhig gewesen und Paula hatte in Ruhe vor sich hin arbeiten können. Der Leimgeruch der Gelatine durchzog den Raum und der gespaltene Holzdeckel war wieder befestigt und trocknete in der Schraubzwinge. Viel hatte sich im Moment angesammelt, denn das Haus wollte einige seiner Schätze ausleihen. In der Werkstatt sollten Sie zurechtgemacht werden, um dann in den Vitrinen fremder Museen zu glänzen. Aber das war es ja, was die Arbeit so abwechslungsreich machte, die vielen unterschiedlichen Dinge und Materialien, die hier tagtäglich durch ihre Hände gingen. Und sie war froh, das sie die Bücher, Akten, Urkunden, Briefe und Plakate immer wieder von Neuem staunend anschauen konnte, auch wenn sie die Scheu vor jahrhundertealten Originalen längst abgelegt hatte.

Denn jedes Teil und sollte es noch so unscheinbar und schmutzig auf dem Arbeitstisch landen hatte seine Geschichte. Manche konnte man sofort erlesen, auch wenn Paula nur wenig Latein in der Schule gelernt hatte, so reichte es doch meist, um den Austeller alter Urkunden zu erkennen. Und vieles war ja auch in Deutsch geschrieben und mit ein bißchen Hineinlesen konnte man die alten Schriften nach einigen Minuten gut entziffern. Die meisten Dingen gaben ihre Geschichten aber nicht durch bloßes Ansehen preis und nur bei einigen wenigen konnten man durch zufällige Hinweise die Geschehnisse dahinter deuten. Mit Schaudern dachte sie immer noch an das Rechnungsbuch aus dem sechzehnten Jahrhundert, in dem ein Eintrag mit einem senkrechten Federtintenstrich nach unten endete. Der nächste Schreiber notierte dann, das der seelige Schreiber Herr W. bei der Ausübung seiner Tätigkeit verstorben war. Wenn die Sachen selbst erzählen könnten, was würden da wohl für Geschichten zum Vorschein kommen? Geradezu unheimlich wäre das…

Nachdem Sie die letzten Risse in den Seiten des dicken Geburtsregister mit Japanpapier und Kleister geschlossen hatte, beschwerte sie die geklebten Stellen mit den weißen Sandsäckchen und beschloss für heute Feierabend zu machen. Sie wusch die Pinsel sorgfältig aus und stellte alle Werkzeuge an ihren Platz zurück. Paula arbeitete am liebsten etwas chaotisch, im Studium hatte sie ihre Lehrer damit genervt, dass sie am liebsten immer alle Werkzeuge eng um sich herum auftürmte. Zum Glück war das vorbei und wenn sich jemand über ihre gelegentliche Unordnung aufregte, dann ganz allein sie selbst.

Überall das Licht löschen, alle Maschinen auf 0, alle Fenster zu, nachdem sie als letzte die Werkstatt verlassen hatte lag das Haus ganz still im Dunkeln.

Etwas später schien der Mond durch die Jalousien der Werkstatt, da raschelte es auf einmal. So als ob sich etwas reckte. Ein papierenes Etwas, das sich streckte.

Fortsetzung folgt…

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