Storytell


Teil1

Auf dem übervollen Werkstatttisch begann sich plötzlich ein Schutzumschlag anzuheben und ein reich coloriertes Blatt glitt schwungvoll heraus. »Hui,Hui,Hui« juchzte es mit einem feinen melodiösen Stimmchen, als es übermütig ein paar Schlenker in der Luft machte. »Ach, ist das herrlich, mal aus dieser gräßlich dunklen Schublade herauszukommen-Lalala-wie wohl ist mir ums Herzelein«. Es segelte durch die ganze Werkstatt, zur Presse, über die Arbeitstische, betrachtete sich wohlwollend im Spiegel über dem Waschbecken, machte einen großen Bogen um die Pappschere und sang die ganze Zeit mit hoher Stimme Freiheitslieder.

Plötzlich ließ sich auf der anderen Seite des Tisches eine tiefe und sehr vornehm klingende Stimme vernehmen: »Wer stört mich mit solch schrecklichen Gezirpe? Findet man hier nirgendwo seine Ruhe?« Das Grafikblatt hielt überrascht in seinem Flugübungen inne und fragte zögerlich: »Jaahaa, wer spricht…, denn da?« Eine Zeitlang blieb es ganz still, dann hob sich auf einmal der hölzerne Buchdeckel des dicken Kopialbuchs am Rande der Arbeitsplatte ruckartig an und blieb starr in der Luft stehen.

Erschrocken wich das bunte Blättchen zurück und beäugte das alte Buch vorsichtig. Als nicht geschah, schwebte es Stückchen für Stückchen wieder heran und erschrak abermals fürchterlich denn: »Paaatsch« schlug der Deckel mit einem lauten Knall wieder zu. »Hohohoho« lachte die sonore Stimme.«Verzeihen Sie bitte kleine Dame, wenn ich sie geängstigt haben sollte. Die Gelegenheit war einfach zu verlockend, aber genug der Späße, da ich ganz offensichtlich der Ältere und Erfahrenere bin, will ich mich Ihnen gebührlich vorstellen. Edles Fräulein, ich bin das Kopialbuch Nr. 1, das allererste und wichtigste, in mir werden schon seit fünfhundert Jahren die ältesten Urkunden der Stadt niedergeschrieben. Nun sagen sie mir aber geschwind, mit wem habe ich die Ehre?«

Das Grafikblatt hatte sich schnell von seinem Schreck erholt, traute der plötzlichen Freundlichkeit dieses in ihren Augen monströsen Wesens aber nicht wirklich. Schließlich jedoch, räusperte es sich mutig und begann erst zögerlich, dann immer atemloser: »Ich, hüstel, also ich bin eine, wie Sie sicher sehen können, wunderhübsche Grafik und zeige die Stadt Frankfurt am Main im Jahre husthüstelhüstel, ich bin also in der Tat viel, hüstel,viel jünger als Sie. Jetzt, wo wir uns kennen, können sie vielleicht, ja,  wissen Sie vielleicht wo wir hier sind, ich bin soviel Freiraum gar nicht mehr gewöhnt. In der Mappe, in der ich sonst liege, kriege ich kaum Luft, weil diese ganzen dicken Holzschnitte auf mir liegen. Unterhalten wollen die sich auch nicht mit mir, die sagten einmal, ich wäre zu grell und zu schwatzhaft, also, ich weiß wirklich nicht, was das diese tristen Schwarzmaler damit meinen und dann immer dieses rumliegen, jahrelang, da hat man sich sowieso nix mehr zu erzählen, ich bin so froh das ich endlich mal hinaus durfte und jetzt…«

»Na,na, na, bitte,bitte, haben sie Nachsicht mit einem alten schwerfälligem Herrn, ich kann ja gar nicht alle Worte einfangen, so schnell wie diese aus ihnen herauspurzeln.« Genüßlich wiegte sich der dicke und schwere Band hin und her, dehnte sein Leder und ließ die Holzdeckel knacken. »Aber sie haben schon recht, auch ich genieße es, aus meiner alten staubigen Kiste herauszukommen und hier mal ganz in Ruhe frei zu atmen und zu liegen.«

In den letzten Jahren wurde das Kopialbuch Nr.1, eigentlich nur zu Führungen von lärmigen Schulklassen gezeigt. Dann wurden immer die gleichen Seiten aufgeschlagen und die farbigen Initialien an den Urkundenanfängen bestaunt. Für städtische Geschäfte benutzt, wurde es schon lange nicht mehr und da es auch immer ein wenig honorig und besserwisserisch tat (er war ja schließlich nicht umsonst die Nr.1!), wollte keines der anderen Kopialbücher, sei es die Nr. 2, 3 oder auch die nachsichtige Nr. 9, viel mit ihm zu tun haben.

Fortsetzung folgt…

Advertisements

sonnenuntergang von b.

Der Abend kroch langsam in die Werkstatt. Warum mußte es im Februar immer noch viel zu früh dunkel werden? Die Tage wurden länger, das merkte Paula, aber es war nach wie vor deprimierend, in diesem monatelangen Dunkelrhythmus gefangen zu sein. Dunkel wenn Sie in der Werkstatt ankam, dunkel wenn Sie nach Hause ging. Da hatte es gutgetan, heute Mittag mal um den Block zu gehen und sich den Wind ins Gesicht pusten und die sonnenentwöhnten Augen ins Mittagslicht blinzeln zu lassen.

Der Nachmittag war ruhig gewesen und Paula hatte in Ruhe vor sich hin arbeiten können. Der Leimgeruch der Gelatine durchzog den Raum und der gespaltene Holzdeckel war wieder befestigt und trocknete in der Schraubzwinge. Viel hatte sich im Moment angesammelt, denn das Haus wollte einige seiner Schätze ausleihen. In der Werkstatt sollten Sie zurechtgemacht werden, um dann in den Vitrinen fremder Museen zu glänzen. Aber das war es ja, was die Arbeit so abwechslungsreich machte, die vielen unterschiedlichen Dinge und Materialien, die hier tagtäglich durch ihre Hände gingen. Und sie war froh, das sie die Bücher, Akten, Urkunden, Briefe und Plakate immer wieder von Neuem staunend anschauen konnte, auch wenn sie die Scheu vor jahrhundertealten Originalen längst abgelegt hatte.

Denn jedes Teil und sollte es noch so unscheinbar und schmutzig auf dem Arbeitstisch landen hatte seine Geschichte. Manche konnte man sofort erlesen, auch wenn Paula nur wenig Latein in der Schule gelernt hatte, so reichte es doch meist, um den Austeller alter Urkunden zu erkennen. Und vieles war ja auch in Deutsch geschrieben und mit ein bißchen Hineinlesen konnte man die alten Schriften nach einigen Minuten gut entziffern. Die meisten Dingen gaben ihre Geschichten aber nicht durch bloßes Ansehen preis und nur bei einigen wenigen konnten man durch zufällige Hinweise die Geschehnisse dahinter deuten. Mit Schaudern dachte sie immer noch an das Rechnungsbuch aus dem sechzehnten Jahrhundert, in dem ein Eintrag mit einem senkrechten Federtintenstrich nach unten endete. Der nächste Schreiber notierte dann, das der seelige Schreiber Herr W. bei der Ausübung seiner Tätigkeit verstorben war. Wenn die Sachen selbst erzählen könnten, was würden da wohl für Geschichten zum Vorschein kommen? Geradezu unheimlich wäre das…

Nachdem Sie die letzten Risse in den Seiten des dicken Geburtsregister mit Japanpapier und Kleister geschlossen hatte, beschwerte sie die geklebten Stellen mit den weißen Sandsäckchen und beschloss für heute Feierabend zu machen. Sie wusch die Pinsel sorgfältig aus und stellte alle Werkzeuge an ihren Platz zurück. Paula arbeitete am liebsten etwas chaotisch, im Studium hatte sie ihre Lehrer damit genervt, dass sie am liebsten immer alle Werkzeuge eng um sich herum auftürmte. Zum Glück war das vorbei und wenn sich jemand über ihre gelegentliche Unordnung aufregte, dann ganz allein sie selbst.

Überall das Licht löschen, alle Maschinen auf 0, alle Fenster zu, nachdem sie als letzte die Werkstatt verlassen hatte lag das Haus ganz still im Dunkeln.

Etwas später schien der Mond durch die Jalousien der Werkstatt, da raschelte es auf einmal. So als ob sich etwas reckte. Ein papierenes Etwas, das sich streckte.

Fortsetzung folgt…